Drei Systeme für einen Artikel: der teuerste Fehler im Handel
Der Bestand steht in der Warenwirtschaft, der Einkauf läuft über eine Tabelle, der Verkauf über den Shop. Sobald sich diese drei Zahlen widersprechen, verkaufen Sie Ware, die Sie nicht haben.
zuletzt geprüft am 12 Minuten Lesezeit
Es beginnt immer harmlos. Ein Händler startet mit einer Warenwirtschaft, die zum Betrieb passt. Dann kommt ein Onlineshop dazu, weil die Kundschaft das erwartet. Später ein Marktplatz, weil dort die Mengen liegen. Der Einkauf läuft weiterhin über eine Tabelle, weil das immer funktioniert hat.
Jeder einzelne Schritt war richtig. Das Ergebnis ist es nicht.
Der Moment, in dem es kippt
Der Kipppunkt ist nicht die Zahl der Bestellungen. Er ist der Tag, an dem zwei Systeme unterschiedliche Bestände melden und niemand mehr sagen kann, welches recht hat.
Ab diesem Tag beginnt eine Praxis, die Betriebe jahrelang beibehalten: Man pflegt einen Sicherheitspuffer. Im Shop werden nicht siebzig Stück angeboten, sondern fünfzig, damit nichts überverkauft wird. Zwanzig Stück liegen im Lager, sind bezahlt, stehen in der Bilanz und sind für den Vertrieb unsichtbar.
Dieser Puffer ist die eigentliche Rechnung. Er kostet keinen Cent Lizenzgebühr und bindet fünfstellige Beträge.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Artikel mit Sicherheitspuffer | 1.850 |
| Durchschnittlicher Puffer je Artikel | 14 Stück |
| Durchschnittlicher Einstandswert je Stück | 11,40 EUR |
| Gebundenes Kapital | 295.260 EUR |
| Kalkulatorischer Zinssatz | 6 % |
| Jährliche Kapitalkosten | 17.716 EUR |
Knapp achtzehntausend Euro im Jahr, allein für Bestände, die aus Misstrauen gegenüber den eigenen Zahlen gehalten werden. Dazu kommen Lagerfläche, Schwund und Artikel, die veralten, bevor sie verkauft sind.
Die zweite Rechnung: überverkaufte Ware
Trotz Puffer passiert es. Zwei Kanäle verkaufen gleichzeitig das letzte Stück. Der Kunde bekommt eine Bestellbestätigung, und drei Tage später eine Entschuldigung.
Die Kosten dieses Vorgangs werden regelmäßig unterschätzt, weil sie sich auf viele Stellen verteilen. Bearbeitung durch den Kundendienst, Stornierung, Rückerstattung, auf Marktplätzen zusätzlich eine Kennzahl für Verkäuferleistung, die sich verschlechtert und die Sichtbarkeit der Angebote senkt.
Händler, mit denen wir gesprochen haben, nennen für die Bearbeitung eines überverkauften Auftrags zwischen zwanzig und fünfunddreißig Euro. Bei vierzig solchen Fällen im Monat sind das bis zu sechzehntausend Euro im Jahr.
Was ein zusammengeführtes System tatsächlich löst
Hier ist Redlichkeit angebracht. Ein ERP-System macht keine Bestände korrekt. Es macht sie gemeinsam.
Wenn Einkauf, Lager und alle Verkaufskanäle auf denselben Datenbestand zugreifen, gibt es nur noch eine Zahl. Ob diese Zahl stimmt, hängt weiterhin daran, ob Wareneingänge sauber gebucht und Inventurdifferenzen ehrlich erfasst werden. Aber es gibt keinen Widerspruch mehr, der einen Puffer rechtfertigt.
Das ist der Kern, und alles andere folgt daraus: Bestellvorschläge, die auf echtem Bedarf beruhen. Verfügbarkeitsprüfung im Auftrag. Eine Kommissionierliste, die nicht ins Leere greift.
Aus unserer Prüfung
Führt Beschaffung, Lagerbestand, Verkauf und Fertigung auf einer Datenbasis zusammen und automatisiert Bestellvorschläge sowie Eingangsrechnungen. Sage veröffentlicht dafür keinen Listenpreis und bietet statt einer Testphase eine kostenlose Live-Demo an. Genau in dieser Demo gehören Ihre eigenen Vorgänge auf den Tisch, nicht die Beispieldaten des Anbieters.
Was ein Einführungsprojekt wirklich kostet
Der Satz steht in jedem Ratgeber und wird trotzdem ignoriert: Die Lizenz ist der kleinere Teil. Deshalb hier mit Zahlen.
- Beratung und Einrichtung durch einen Partner. In der Regel der größte einzelne Posten.
- Datenübernahme aus den Altsystemen, einschließlich der Bereinigung doppelter Artikel und Kunden.
- Schulung, gerechnet in Personentagen der eigenen Belegschaft, nicht in Seminargebühren.
- Produktivitätsverlust in den ersten sechs bis zehn Wochen nach der Umstellung.
- Anpassungen, die erst im laufenden Betrieb sichtbar werden.
Die Betriebe, mit denen wir gesprochen haben, nennen für das Gesamtprojekt das Zwei bis Fünffache der ersten Jahreslizenz. Das ist keine Kennzahl, sondern eine Erfahrungsspanne, und sie streut erheblich. Wer mit dem unteren Rand kalkuliert, kalkuliert zu knapp.
Drei Stellen, an denen Projekte scheitern
Verschmutzte Stammdaten
Artikelnummern, die zweimal vergeben wurden. Kunden, die dreimal angelegt sind, einmal mit Umlaut, einmal ohne, einmal mit Tippfehler. Lieferanten, die als Firma und als Ansprechpartner geführt werden.
Das alte System hat damit gelebt, weil Menschen die Zusammenhänge im Kopf hatten. Das neue rechnet damit. Die Bereinigung ist unangenehm, langwierig und gehört vor den Projektstart, nicht in die Mitte.
Kein Verantwortlicher im Haus
Ein Projekt, das die Geschäftsführung nebenbei betreut, zieht sich. Es braucht eine Person mit Entscheidungsbefugnis und freigeräumter Zeit, nicht eine Person mit gutem Willen.
Wenn Sie diese Person nicht benennen können, verschieben Sie das Projekt. Das klingt hart und ist der günstigste Rat in diesem Text.
Prozesse, die niemand aufgeschrieben hat
Der Partner fragt, wie Ihre Auftragsabwicklung läuft. Wenn drei Personen drei verschiedene Antworten geben, ist das keine Frage der Software.
Diese Klärung ist der eigentliche Wert eines ERP-Projekts und gleichzeitig der Teil, der am meisten wehtut. Betriebe entdecken dabei regelmäßig, dass ihr Wareneingang seit Jahren anders läuft als beschrieben.
„Wir haben im Projekt gelernt, dass unsere Retourenabwicklung von drei Kolleginnen unterschiedlich gehandhabt wurde. Das war unangenehm und im Ergebnis das Wertvollste daran.“
Woran Sie einen ernsthaften Anbieter erkennen
In der Demo trennt sich die Spreu schnell, wenn Sie die richtigen Dinge verlangen.
- Bestehen Sie auf einer Bestellung mit Wareneingang und Teillieferung, nicht auf einer Präsentation.
- Verlangen Sie einen Auftrag mit Verfügbarkeitsprüfung über mehrere Lagerorte.
- Lassen Sie eine Retoure durchspielen, einschließlich Gutschrift und Rückbuchung in den Bestand.
- Fragen Sie, wie Chargen oder Seriennummern geführt werden, wenn Ihr Sortiment das verlangt.
- Klären Sie die Buchhaltungsübergabe an Ihre Kanzlei, bevor über Preise gesprochen wird.
Ein Anbieter, der diese fünf Punkte mit Ihren Daten zeigt, nimmt das Projekt ernst. Ein Anbieter, der stattdessen die Oberfläche lobt, kostet Sie Zeit.
Wann Sie es lassen sollten
Zum Abschluss der Gegenfall, den kein Anbieter Ihnen schildern wird.
Wenn Sie zweihundert Artikel führen, über einen einzigen Kanal verkaufen und der Bestand stimmt, brauchen Sie kein ERP-System. Sie brauchen eine ordentliche Warenwirtschaft und ein halbes Jahr Disziplin bei der Inventur. Die Kosten eines Einführungsprojekts stehen in diesem Fall in keinem Verhältnis.
Der Nutzen entsteht dort, wo mehrere Kanäle, mehrere Lagerorte oder eine Fertigung zusammenkommen. Wer das nicht hat, spart Geld, indem er wartet.
Inventurdifferenzen ehrlich behandeln
Ein ERP-System führt einen Bestand. Ob dieser Bestand stimmt, entscheidet sich nicht in der Software, sondern bei der Inventur und im Umgang mit Differenzen.
In vielen Betrieben ist der Umgang mit Differenzen informell. Fehlt Ware, wird der Bestand korrigiert und weitergearbeitet. Damit geht die wichtigste Information verloren: warum sie gefehlt hat.
Sinnvoll ist eine Erfassung mit Grund. Bruch, Schwund, Fehlbuchung beim Wareneingang, Entnahme ohne Beleg. Erst wenn diese Gründe über ein Jahr gesammelt vorliegen, sehen Sie, wo das Problem tatsächlich sitzt, und in den meisten Fällen sitzt es im Wareneingang und nicht im Lager.
Die Anbindung der Verkaufskanäle
Die Zusammenführung des Bestands nützt nichts, wenn die Verkaufskanäle ihn nicht in Echtzeit lesen. Genau hier liegt der technisch heikelste Teil eines solchen Projekts.
Fragen Sie deshalb konkret nach der Aktualisierungsfrequenz. Ein Abgleich alle vier Stunden klingt nach viel und reicht bei schnelldrehenden Artikeln nicht. Ein Abgleich alle fünf Minuten ist in der Regel ausreichend. Ein echter Zugriff in Echtzeit ist der beste Fall und nicht bei jedem Marktplatz möglich.
- Wie häufig werden Bestände an den Shop und an die Marktplätze übertragen?
- Was passiert bei einer Störung der Verbindung? Wird der Bestand eingefroren oder weiter verkauft?
- Werden Reservierungen berücksichtigt, also Ware, die im Auftrag steht, aber noch nicht versandt ist?
- Wie werden Artikel mit Varianten übertragen, etwa Größen und Farben?
- Wer pflegt Artikelbeschreibungen und Bilder, das System oder der Kanal?
Die zweite Frage ist die, deren Antwort am meisten über die Reife eines Systems verrät. Ein durchdachtes System setzt bei Verbindungsverlust den Bestand auf null oder friert ihn ein. Ein unausgereiftes verkauft munter weiter.
Die Rolle der Buchhaltung im ERP-Projekt
Ein häufiger Fehler in ERP-Projekten besteht darin, die Buchhaltung erst am Ende einzubeziehen. Dabei entscheidet sie über Kontenrahmen, Steuerschlüssel und die Frage, wie Warenbewegungen bewertet werden.
Besonders wichtig ist die Bewertungsmethode für den Lagerbestand. Gleitender Durchschnitt, Verbrauchsfolgeverfahren oder Standardpreise führen zu unterschiedlichen Beständen in der Bilanz. Wer diese Frage dem Projektpartner überlässt, bekommt die Voreinstellung, und die passt nicht immer zur bisherigen Praxis.
Sprechen Sie das mit Ihrer Kanzlei durch, bevor die Einrichtung beginnt. Ein Wechsel der Bewertungsmethode im laufenden Jahr ist nicht ohne Weiteres zulässig und erzeugt Erklärungsbedarf gegenüber dem Finanzamt.
Nach dem Start beginnt die eigentliche Arbeit
Der Tag, an dem das System produktiv geht, ist nicht das Ende des Projekts. Er ist der Beginn der Phase, in der sich zeigt, was in der Einrichtung übersehen wurde.
Planen Sie für die ersten acht Wochen eine wöchentliche Runde mit allen beteiligten Bereichen ein, dreißig Minuten, mit einer offenen Liste. Was nicht funktioniert, kommt auf die Liste. Was auf der Liste steht, bekommt einen Verantwortlichen und ein Datum.
Betriebe, die diese Runde durchhalten, sind nach zwei Monaten im Normalbetrieb. Betriebe, die sie ausfallen lassen, arbeiten nach einem Jahr immer noch mit Umgehungen, die niemand dokumentiert hat.
Artikelstammdaten sind eine Daueraufgabe
Die Bereinigung vor dem Projekt ist notwendig und nicht ausreichend. Ohne Regeln für die Neuanlage ist der Stamm nach zwei Jahren wieder im alten Zustand.
Legen Sie deshalb fest, wer Artikel anlegen darf, welche Felder Pflicht sind und wie die Bezeichnung aufgebaut ist. Eine Bezeichnung, die mit dem Herstellernamen beginnt, sortiert sich anders als eine, die mit der Warengruppe beginnt, und beides gleichzeitig führt in die Unbrauchbarkeit.
- Eine Person oder Rolle hat die Freigabe für neue Artikel, nicht jede Sachbearbeitung.
- Pflichtfelder sind definiert: Warengruppe, Einheit, Steuersatz, Lieferant, Einstandspreis.
- Die Bezeichnung folgt einem festen Aufbau, schriftlich hinterlegt.
- Auslaufartikel werden gekennzeichnet, nicht gelöscht.
- Einmal im Quartal prüft jemand die Neuanlagen des Zeitraums.
Der letzte Punkt kostet eine Stunde im Quartal und verhindert den Rückfall. Betriebe, die ihn auslassen, stehen nach drei Jahren wieder vor demselben Bereinigungsprojekt.
Retouren sind kein Randthema
Im Onlinehandel sind Rücksendungen ein Hauptprozess, und sie werden bei der Systemauswahl regelmäßig als Nebensache behandelt.
Eine Retoure berührt den Bestand, die Buchhaltung, die Zahlungsabwicklung und häufig den Marktplatz, über den verkauft wurde. Wenn einer dieser vier Punkte nicht automatisch läuft, entsteht Handarbeit bei jedem einzelnen Vorgang.
Lassen Sie sich deshalb in der Demo eine vollständige Retoure zeigen: Wareneingang mit Prüfung, Entscheidung über Wiederverkaufsfähigkeit, Gutschrift, Rückzahlung und Rückmeldung an den Kanal. Wer das nicht zeigen kann, hat es nicht.
Dieser Beitrag ersetzt keine betriebswirtschaftliche Beratung. Die genannten Erfahrungswerte stammen aus Gesprächen und sind keine belastbaren Marktzahlen.
Verfasst von
Michael Ebertz
Redakteur, Schwerpunkt Rechnungswesen
Michael Ebertz war zwölf Jahre Bilanzbuchhalter in einem Handelsunternehmen mit rund 180 Mitarbeitenden und schreibt seit 2021 über Software für das Rechnungswesen.
